Abgesagte Schwingfeste bringen kulturellen Schaden

Aus dem aktuellen SCHLUSSGANG (Rubrik Hintergrund): Dass ein Schwingfest nicht nur ein sportlicher Anlass ist, wird einem bei der wettkampffreien Zeit so richtig bewusst. Angefangen bei den Jodlerklubs, Alphornbläsern und Fahnenschwingern, zieht die Absage eines Schwingfestes eine grosse Anzahl von Protagonisten mit, die alle im Abseits stehen.
Die Schwingfestplätze wie hier auf dem Bild die Brünig-Arena bleiben 2020 allesamt leer. Nicht nur für die Schwinger ist dies unangenehm: Auch der kulturelle Schaden ist verheerend. (Foto: Iris Oberholzer)

Wann und in welchem Umfang wieder mit Schwingfesten gestartet werden kann, steht im Moment noch in den Sternen. Obwohl die Athleten seit geraumer Zeit wieder trainieren, ist nicht absehbar, wann endlich wieder ein schwingerischer Grossanlass über die Bühne gehen kann. Die Aktivschwinger haben die diesjährige Saison abgeschrieben, trotzdem brennt die Schweiz darauf, möglichst bald wieder einem Schwingfest beizuwohnen. Aber solange nicht ein wirksamer Impfstoff gefunden wird, bleibt ein Risiko bestehen. Doch ist das Schwingen als Freiluftsport nicht kalkulierbar? Die Gefahr einer Ansteckung in freier Natur sei weniger gross als in einem geschlossenen Raum. Es braucht eine Portion Mut seitens der Veranstalter, um sich für die Durchführung eines Schwingfestes einzusetzen.

Eigenverantwortung
Ohne die bestehenden Gefahren einer Ansteckung mit dem Coronavirus herunterzuspielen, sollte so bald wie möglich wieder mit den Wettkämpfen gestartet werden. Dabei muss auf die Eigenverantwortung gesetzt werden. Im Grundsatz muss jeder Schwinger und jeder Zuschauer selber wissen, inwieweit er für sich ein Risiko sieht und wie er sich nebst den vorgeschriebenen Regeln schützen will.

Gewisse Lockerungen können dazu führen, dass die Gefahren unterschätzt werden, nur hat der gesellschaftliche Aspekt für die Gesundheit ebenfalls eine positive Wirkung. Für viele Zuschauer ist ein Schwingfest ein wichtiges Lebenselixier. Isolation und kein Treffen mit Gleichgesinnten können grosse gesundheitliche Schäden verursachen.

Kulturelles Loch
Über die entstandenen finanziellen Einbussen ist es im Moment müssig zu diskutieren. Vorweg die kleinen Verbände und Schwingklubs leiden schwer. Dies zieht eine Situation mit sich, die man sich in normalen Zeiten kaum überlegt hat: Ein gelungener schwingerischer Anlass lebt neben dem sportlichen Aspekt ebenfalls vom Rahmenprogramm. Dabei geht es nicht nur um die Unterhaltung auf dem Festplatz. Ebenfalls die allseits beliebten Unterhaltungsabende fallen ins Wasser. Wie viele Jodler, Turner und Musiker auf ihren Auftritt verzichten müssen, kann kaum abgeschätzt werden. Dadurch geht vielerorts die Motivation verloren, und die Kultur nimmt dabei grossen Schaden. Auf den Punkt brachte es ein bekannter Luzerner Ländlermusikant mit seiner Aussage: «Für was soll man noch üben, wenn keine Auftrittsmöglichkeiten mehr vorhanden sind?» Genau so ergeht es unzähligen Musikern und Jodlern schweizweit. «Die Hoffnung stirbt zuletzt», lautet ein Sprichwort.

Wie weiter?
Ein weiteres Jahr ohne Schwingfeste ist kaum denkbar. Schon jetzt ist der Terminkalender für die nächste Saison voll besetzt. Irgendwie muss sich das Schwingen den gegebenen Umständen anpassen. Wie weiter, lautet dabei die grosse Frage. Der Eidgenössische Schwingerverband unternimmt grosse Anstrengungen, um die vorgesehenen Schwingfeste in der nächsten Saison zu sichern. Es stehen verschiedene Optionen zur Verfügung, jedoch ist laut dem neuen Obmann Markus Lauener die Umsetzung ziemlich schwierig: «Grundsätzlich sind wir auf die Vorgaben des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) angewiesen. In gewissen Dingen gibt es bis jetzt keinen Freiraum. Wir setzen jedoch alles daran, um nächstes Jahr sämtliche Feste durchzuführen.»

Fragen über Fragen, die in naher Zukunft beantwortet werden müssen. Nach einer einjährigen Pause besteht die Gefahr, dass im nächsten Jahr die Schwingfeste einen unerwartet grossen Zuschaueraufmarsch erleben werden. Bleibt die BAG-Vorgabe, dass bei sportlichen Anlässen pro Sektor nur 300 Zuschauer anwesend sein dürfen, wird die praktische Umsetzung sehr schwierig. Zudem ist nicht zu unterschätzen, dass bei den meisten Schwingfesten die Infrastruktur erstellt werden muss. Ein Schwingfest mit einer Maskenpflicht ist kaum vorstellbar. Nicht geklärt ist auch die Frage, wie das grosse Interesse der Zuschauer befriedigt werden kann. Die Auflagen der Behörden sind so gross, dass es eine gewisse Anzahl von zahlenden Zuschauern braucht, um ein Schwingfest rentabel durchführen zu können.

Zum Schluss bleibt die Hoffnung, dass sich die gegenwärtige Situation möglichst bald wieder normalisiert und dass auch in Zukunft noch unvergessliche Schwingfeste über die Bühne gehen können. Und dass das grosse Interesse am Schwingen in der breiten Bevölkerung bestehen bleibt.

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Werner Frattini

Freier Mitarbeiter Text

Iris Oberholzer

Redaktion

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