Als Nichtkranzer beinahe Eidgenosse geworden

Während der wegen dem Coronavirus schwingfreien Zeit werden auf www.schlussgang.ch regelmässig Porträts von Schwingergrössen aus der Vergangenheit aufgeschaltet. Heute ist Clemens Jehle an der Reihe, der für die Nordost- und zuletzt die Nordwestschweizer im Einsatz stand. Sein Porträt im SCHLUSSGANG erschien im Jahr 2011. Dank gemeinsamem Studium brachte Ernst Schläpfer den internationalen Judoka Clemens Jehle ins Sägemehl. Der 2,04-Meter-Mann sorgte auf den Schwingplätzen für Aufsehen.
Clemens Jehle (links) im Jahr 1988 in einem Gang gegen den Bündner Hans Lüthi in seiner bekannten Art mit beiden Händen am gegnerischen Gurt. (Fotoarchiv: Christian Mutzner)
Kaum hatte Clemens Jehle das Training in den Zwilchhosen beim  Schwingklub Glatt- und Limattal aufgenommen, selektionierte ihn der Nordostschweizerische Verband auch schon für das Eidgenössische 1980 in St. Gallen, und dies als Nichtkranzer, weil der Judo-Spezialist am Teilverbandsfest den Kranz um einen Viertelpunkt verfehlt hatte. In der OLMA-Stadt verfehlte Jehle den eidgenössischen Kranz trotz fünf Siegen und nur einer Niederlage um einen Viertelpunkt, wobei gemäss seiner Aussage der Kranz auch mit dieser Punktzahl hätte abgegeben werden können.
 
Schwingerkönig besiegt
Aber schon in der Saison darauf  rückte der international aktive Judoka auch bei den Schwingern zu den Bösen auf. Als Nichtkranzer gewann Clemens Jehle in Uetikon am See das Zürcher Kantonale und besiegte dabei im Schlussgang Schwingerkönig Arnold Ehrensberger.
 
Obwohl der 140 kg schwere Hüne primär Judo-Wettkämpfe bestritt, einen Europameistertitel feierte und bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles und 1988 in 
Seoul aktiv dabei war, erreichte er parallel dazu drei eidgenössische Kränze 1983 in Langenthal, 1986 in Sion und 1989 in Stans.
 
Seine letzten Wettkämpfe bestritt er nach dem Umzug ins Baselbiet schliesslich noch für den Nordwestschweizerischen Verband, wobei er 1992 am Eidgenössischen in Olten durch eine Verletzung ausschied.
 
Optimaler Trainingspartner
Zum Schwingen kam Jehle dank Ernst Schläpfer, mit dem er an der ETH Zürich gemeinsam das Agronomie-Studium absolvierte. Der 2,04-Meter-Mann erinnert sich, dass sie während des Studiums oft auf das Mittagessen verzichteten und stattdessen knallharte Konditionstrainings bestritten. Oft weilte Jehle für Schwingertrainings bei Schläpfer im Appenzellerland. Ausserdem standen beim Schwingklub Glatt- und Limmattal gute Trainingspartner zur Verfügung. Auch mit Jörg Schneider trainierte er verschiedentlich.
 
«Weil die Europameisterschaften damals im Mai stattfanden, wechselte ich jeweils spät wieder zum Schwingen. Deshalb hatte ich zu Beginn der Saison Mühe, wieder den Rhythmus im Sägemehl zu finden.»
 
Fünf Jahre Judo-Profi
Während fünf Jahren war er als Vertragsathlet der Schweizer Sporthilfe Judo-Profi. Seine Schwingerkarriere mit drei eidgenössischen Kränzen und mehreren Kranzfestsiegen in den 80er Jahren bestritt er  sozusagen nebenbei. Nach den Olympischen Spielen 1988 beendete er seine Judo-Karriere.
 
Der letzte Schwingerkranz geht aufs Jahr 1994 am Basellandschaftlichen Kantonalen zurück. In dieser Zeit war er auch als Technischer Leiter im Schwingklub Muttenz tätig, und 1995 betreute er zusammen mit seiner Partnerin Ursula Stäheli das Nordwestschweizer Kader für das Eidgenössische Schwingfest in Chur im konditionellen Bereich. Seine als Physiotherapeutin tätige Frau ist übrigens bis heute Schweizer Rekordhalterin im Kugelstossen.
 
«Eine schöne Zeit»
Im Rückblick auf seine sportliche Doppelkarriere sagt Clemens Jehle, dass seine Judo-Einsätze emotionaler gewesen seien. So erinnert er sich an die eindrücklichen Olympischen Spiele mit dem gemeinsamen Einmarsch mit dem damaligen Leichtathletik-Superstar Carl Lewis. «Im Judo hatte ich durch die internationalen Einsätze ganz andere Kontakte und Perspektiven.»
 
Trotzdem blickt der hünenhafte ehemalige Zweikämpfer, der rank und schlank geblieben ist, gerne auf seine Zeit als Schwinger zurück. «Ich habe in diesen Kreisen eine sehr schöne Zeit erlebt, die ich nicht missen möchte.» Durch seine Grösse sei er schnell bei allen bekannt gewesen. «Ich wurde nicht durch das Judo, sondern durch das Schwingen in allen Landesteilen bekannt.»
 
Eigene Firma
Heute führt Clemens Jehle eine Firma, die sich auf die Fütterung von Sporthunden und Sportpferden spezialisiert hat. Der Betrieb mit vier Angestellten befindet sich in Buckten. Als Geschäftsführer weilt er häufig im Ausland. Deshalb hat er sich aus dem Schwingsport völlig zurückgezogen. «Das geschah aber nur aus beruflichen Gründen», betont er. Seit Jahren habe er nie mehr  ein Schwingfest besucht. «Aber ich schaue die Eidgenössischen Schwingfeste am Fernsehen. Auch den Unspunnen-Schwinget verfolgte er aufmerksam.

Wolfgang Rytz

Redaktion

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